Geschichte

Beginn als Fasanenvoliere

Als die Stadt Bernburg im Jahre 1909 aus dem Bestand der Köthener Fasanerie zwei Goldfasanen geschenkt bekam, ahnte wohl niemand, dass sich daraus einmal ein ganzer Tiergarten entwickeln würde. Die einstige Residenz der Fürsten von Anhalt-Bernburg gehörte damals zum vereinigten Herzogtum Anhalt und bemühte sich als aufstrebender Industriestandort seit mehreren Jahren auch um die Etablierung einer Tradition als Solbad. Unweit des heutigen Tiergartens war ein repräsentatives Kurhaus errichtet worden, und die Kurgäste konnten im angrenzenden Krumbholz flanieren. Für die nötige Ordnung und Sicherheit sorgte der Waldwärter, der das 1897 mit Türmchen und Torbogen erbaute Waldwärterhaus bewohnte, welches heute den Tiergarteneingang ziert. Zum Waldwärterhaus gehörten außerdem ein Stall, eine öffentliche Toilettenanlage, sowie ein größerer Hof mit Baumschule, an dessen Umfassungsmauer im Oktober 1909 jene erste Voliere errichtet wurde.

Erste Voliere

Von links nach rechts: die erste Voliere von 1909, die öffentliche Toilette und der Stall am Waldwärterhaus vom 1897. Letzteres ist mit Turm, Giebel und Kellerabgang im Hintergrund zu erkennen. Hinter dem Fotografen erstreckte sich eine Kirschplantage.

Während der folgenden geschichtlichen Ereignisse mit Erstem Weltkrieg, politischer Instabilität während der Weimarer Republik, Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise, als selbst die Pflege einiger weniger Gold-, Silber- und Diamantfasanen der öffentlichen Hand enorme Schwierigkeiten bereiten konnte, erlebte das Gelände keinerlei Weiterentwicklung. Und noch 1934, als die Stadt Bernburg begann, Bernburger Trommeltauben zur Schau zu stellen, geschah dies in einer neu erbauten Voliere am Schloss. Doch schon kurz darauf begann das Tiergehege im Krumbholz, sich zu entwickeln.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die systematisch Minderheiten sowie Oppositionelle verfolgten und vernichteten, kam es in Einklang mit der nationalsozialistischen Ideologie der Natur- und Heimatbindung zur Gründung einer ganzen Reihe von heute noch existierenden Tiergärten. Auch der Bernburger Vorläufer erweiterte sich damals zu einem schmucken, kleinen Tiergehege.

Der Krumbholz-Zoo

1935 wurde gegenüber dem damals vorhandenen Tennisplatz (heute Bärengehege) ein neuer Volierenkomplex für allerlei exotische Vögel errichtet, während in den alten, etwas schattig gelegenen Käfig Kaninchen und Meerschweinchen einzogen. Ein Jahr später kamen aus dem Wörlitzer Park die ersten Pfauen hinzu, und am Stall des Waldwärterhauses entstand ein Wasserbecken aus Dachpappe für einen ganz besonderen Neuzugang. Kurz vor Weihnachten 1936 trafen von der Hamburger Tierhandlung Hagenbeck zwei Seehunde ein. Diese quirligen Tiere, die die Herzen der Bernburger im Sturm eroberten, durften von den Besuchern sogar gefüttert werden. Futterfische gab es beim Waldwärter zu kaufen. Als Geschenk der Färberei Bergner bezogen im darauffolgenden Jahr drei Affen Quartier im Krumbholz. Da dazu ein neuer Käfig nötig war, tat man sich mit der Übernahme zunächst nicht leicht. Die Andeutung jedoch, dass die Affen ohne weiteres auch nach Aschersleben verschenkt werden könnten, half der Entscheidungsfreudigkeit auf die Sprünge. Kurz nach Fertigstellung des Affenkäfigs musste eine Besucherbarriere nachgerüstet werden, da den Tieren durch Besucher mehrfach Kopierstifte und brennende Zigaretten gereicht worden waren.

Seehundebecken und Affenkäfig

Im Vordergrund ist das Seehundbecken zu sehen, dahinter der kleine Affenkäfig.

1938 feierte Bernburg 800-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass erhielt die Stadt von der Kreisverwaltung zwei Rosaflamingos geschenkt, für die zwischen Seehunden und Tennisplatz ein liebevoll mit Palmen dekoriertes Teichgehege eingerichtet wurde. So belief sich am Ende des Jahres der Tierbestand immerhin schon auf 3 Affen, 1 Eichhörnchen, 6 Meerschweinchen, 23 Kaninchen, 2 Seehunde, 2 Flamingos, 2 Schwäne (auf der Röße), 10 Pfauen, 9 Gold-, Silber-, Diamant- und Jagdfasanen, 1 Graureiher (als pflegebedürftiges Fundtier), 1 Ralle, 15 Tauben, 16 Wellensittiche und 17 Sperlingsvögel in acht verschiedenen Arten.

Flamingoanlage am Tennisplatz

Teichanlage mit Flamingos, Enten und Palmen.

Als Anfang 1939 ein Seehund unerwartet plötzlich starb, war die Beschaffung von Ersatz Chefsache. Oberbürgermeister Eggert, der bereits seit zwei Jahren nach Pinguinen für den aufblühenden „Krumbholz-Zoo“ Ausschau hielt, fuhr kurzerhand zu Hagenbeck nach Hamburg, wo er außer einem weiblichen Seehund auch je ein Pärchen Peposaka- und Brautenten sowie Kronenkraniche einkaufte. Nachdem Pinguine dann Mitte des Jahres verfügbar geworden waren, wurden beim Tierhandelshaus Ruhe zwei Magellan-Pinguine sowie zwei Chilenische Flamingos geordert. Die Bestellung enthielt den Zusatz: „Bei den Flamingos lege ich großen Wert darauf, Tiere mit rosa Gefieder zu bekommen, da ich bereits 2 weiße hier habe.“ Heute wissen wir, dass den „weißen“ Flamingos wichtige Farbstoffe im Futter fehlten. Doch damals fiel die bedarfsgerechte Versorgung der Zootiere mitunter noch sehr schwer. So misslang leider auch die Eingewöhnung der beiden Pinguine, sowie zweier Ersatztiere schon nach kurzer Zeit.

Der Zweite Weltkrieg blieb für das Bernburger Tiergehege nicht ohne Folgen. 1940 erhielt man mit einer Amazone noch einmal ein wertvolles Geschenk. Drei Jahre später konnte eine Schließung des Tiergartens offenbar nur knapp abgewendet werden. Moralische Unterstützung kam in dieser schwierigen Zeit vom Leipziger Zoodirektor, Professor Karl Max Schneider, der Bernburg im August 1943 mit dem Lichtbildvortrag „Aus der Kinderstube unserer Zootiere“ und einem echten Löwenbaby bereiste. Nach der Kapitulation 1945 wurden noch 46 Tiere gezählt.

Im östlichen Teil Deutschlands existierten nur wenige Tiergärten. Die größeren Zoos von Berlin, Leipzig und Dresden hatten im Krieg erhebliche bis vernichtende Zerstörungen erlitten. Der Zoo Halle kam mit vergleichsweise geringen Schäden davon, während der Tiergarten Rostock in den Wirren der Nachkriegszeit sogar geschlossen wurde. Die Handvoll kleinerer Tierparks in Köthen, Aschersleben, Gotha und Bernburg gewann damit schlagartig erheblich an Bedeutung.

Neubeginn_als_Tiergarten

In Bernburg übernahm in dieser Zeit der Forstmann Johann Drexler die Tiergartenleitung. Viele Heimatvertriebene kamen damals in die Saalestadt, die dadurch vorübergehend über 55.000 Einwohner zählte. Einer von ihnen war Drexler, der die neue Aufgabe im Tiergarten mit viel Liebe und Elan anpackte. Holz war sein eigentliches Element. So kam man durch Beziehungen zu einem Borkenkäferrevier und damit zu notgeschlagenem Nadelholz, das von Tiergartenmitarbeitern Ende der 1940er Jahre in mehrmonatigen Holzaktionen im Harz transportfertig gemacht wurde, um danach als Material für beinahe sämtliche Gehegeeinfriedungen zu dienen. Der Tiergarten erhielt dadurch ein wildparkähnliches Erscheinungsbild und konnte nun erstmals mit der Haltung von Huftieren beginnen.

Erste Huftiergehege mit Zäunen aus Stangenholz

Eingangsnahe Hutiergehege mit Einfassung aus Nadelholzstangen.

Der Tierbestand wuchs kontinuierlich. 1947 kamen Nutrias (in das ehemalige Seehundbecken), Goldfasanen, Tauben und weitere Vögel. Im Jahr darauf gesellten sich Yak, Damhirsch, Maskenschwein und Pute hinzu. Links vom Eingang entstanden 1949 zahlreiche Gehege für Rehe, Rinder, Wildschweine und Ponys. Mit 65 Zentnern Zement wurde der Teich gegenüber dem Eingang wiederhergestellt. Aus Resthaushaltsmitteln entstand 1950 im Nationalen Aufbauwerk (NAW) das Vogelhaus, an dessen Rückseite im Folgejahr eine Zeile von Raubtierkäfigen errichtet wurde, die als Erstbesatz drei Wölfe, drei Dingos, zwei Polarfüchse und sogar eine Hyäne aufnahm, allesamt aus dem Zoo Halle kommend.

Aber die Probleme blieben nicht aus, denn das Gelände war Tag wie Nacht für jedermann frei zugänglich. Und eine gewisse, wohl kriegsbedingte Verrohung von Teilen der Bevölkerung, wie sie auch in anderen Zoos beobachtet wurde, forderte ihre Opfer. Kinder warfen mit Steinen und kletterten über Gehegezäune. Hunde hetzen Hirsche und stellten den Nutrias nach. Bei den Fasanen wurde das Volierengitter aufgeschnitten. Einem Wildschwein wurde mit einem Stock ein Auge ausgestochen. Und ein Unbekannter warf in unregelmäßigen Abständen Giftköder in die Tiergehege. So blieb es letztlich nur eine Frage der Zeit, bis der gesamte Tiergarten eingezäunt werden musste.

Nachdem der Stadtrat bereits im Mai beschlossen hatte, das Tiergartengelände in den kommenden Jahren in Richtung Saale zu erweitern, kam es am Sonnabend, den 13. Oktober 1951 um 15:00 Uhr zu einem Festakt. Der mit 28 Tierunterkünften und elf Blockhäusern erheblich ausgebaute Tiergarten wurde offiziell der Öffentlichkeit übergeben. Eintritt wurde jedoch erst ab 1. September 1952 erhoben: 20 Pfennig für Erwachsene und 10 Pfennig für Kinder. Schulklassen in Begleitung ihrer Lehrer hatten freien Eintritt.

Bei der Tiergarteneinweihung vertreten waren neben Lokalpolitikern auch die Direktoren der Zoos von Leipzig, Halle, Dresden und Magdeburg. Drexler war bereits im Vorjahr in den traditionsreichen Verband Deutscher Zoodirektoren (VDZ) aufgenommen worden. 1954, in einem Tiergartenjahr mit stattlichen 130.102 Besuchern, fand sogar die Tagung der ostdeutschen Zoodirektoren und Tiergartenleiter in Bernburg statt. Und auch bei der Grundsteinlegung des Berliner Tierparks am 30. November 1954 sowie zu seiner Eröffnung am 2. Juli 1955 stand Drexler jeweils mit Bernburger Tiergeschenken Pate, während ihm im eigenen Garten immer mehr Schwierigkeiten erwuchsen.

Manche Raritäten, wie beispielsweise Tukane, erwiesen sich als recht hinfällig. Der Tiergarten krankte an einer unzureichenden Infrastruktur, und auch der Zustand der Gartenanlagen sowie mancher Tiergehege wurde vom Fachausschuss für zoologische Gärten beim Ministerium für Kultur als nicht tragbar eingeschätzt. Weiterhin wurde festgestellt, dass der Tiergarten mit seinem damaligen Tierbestand bereits über einen kleinen Heimattiergarten hinausgewachsen wäre, weshalb die Einstellung eines Zoologen mit tiergärtnerischer Vorerfahrung als Tiergartenleiter empfohlen wurde. Vorgesehen war Werner Kourist, seinerzeit Assistent am Zoo Halle.

Kurz darauf trug der international erfahrene Zoologe Werner Krause ein Anliegen an die Stadt Bernburg heran. Das Serumwerk in Dessau hatte begonnen, für den veterinärmedizinischen Geschäftsbereich einen Zweigbetrieb in Bernburg zu errichten. Dieser übernahm auch die umfangreiche Schlangenfarm des Unternehmens, so dass Krause mit nach Bernburg übersiedeln sollte und mit ihm auch seine Frau Pia sowie eine umfangreiche terraristische Privatsammlung. Der Stadt kam es gelegen, sie wollte, den Vorstellungen Krauses folgend, die Sammlung an den Tiergarten angliedern und Pia Krause als profilierte Betreuerin einstellen. In der Keßlerstraße erhielt das Ehepaar eine Wohnung, in der es daraufhin ein Schauterrarium einrichtete.

Danach ging alles unglaublich schnell: Tiergartenleiter Drexler wurden Unzulänglichkeiten in der Buch- und Tierbestandsführung nachgewiesen sowie Manipulationen unterstellt. Nahezu zeitgleich platzte außerdem ein offenbar nicht genehmigter Tiertausch mit dem Zoo Leipzig gegen mehrere Festmeter Eichenholz, so dass Drexler am 15. Oktober 1955 wohl keinen anderen Ausweg sah, als die Flucht nach Westdeutschland. Trotz anhaltender Unterstützung durch den Zoo Halle kehrte Mitte Januar 1956 das Berliner Ministerium seine Meinung über die Einsetzung eines Zoologen als Leiter des Tiergartens Bernburg ins Gegenteil um, obwohl jener bereits in einem Vorstellungsgespräch angehört worden war. Vorgeschlagen wurde stattdessen ein kulturbundnaher Tierliebhaber aus Quedlinburg. Kurz zuvor war noch dazu auch die Übernahme von Frau Krause und damit auch der kostbaren Krause-Sammlung mit fadenscheinigen Argumenten abgeschmettert worden. Wenige Monate später eröffnete dann der Tierpark Berlin seine Schlangenfarm, die nicht nur aus Krauses Privatsammlung bestand, sondern vor allem auch die Giftschlangen des Bernburger Serumwerks umfasste - betreut von Pia und Werner Krause.

Doch die Stadt Bernburg ließ sich nicht davon abbringen, ihren Tiergarten weiter zu entwickeln. Konkrete Pläne dafür lagen seit Jahren in der Schublade. Die Errichtung einer Freisichtanlage für Bären mit Natursteinmauern und Wassergraben in geschwungener Linienführung nebst Besuchertoiletten war ebenso geplant, wie ein mehrstöckiges Wirtschaftsgebäude auf dem Hof.

Plakat Tiergartentombola

Plakat für das Sommernachtsfest mit einem Tiermotiv aus dem ersten Tiergarten-Wegweiser von 1951.

Um der Umsetzung dieser kostenintensiven Pläne ein Stück näher zu kommen, wurde am 13. August 1955 ein Sommernachtsfest im Tiergarten veranstaltet. Damals war es üblich, bei Veranstaltungen einen Aufschlag auf den Eintrittspreis zu kassieren. Die erwarteten Mehreinnahmen sollten dem Bärengehege zugute kommen. Moderiert wurde das zweistündige musikalische Programm, das sich in nahtlos anschließendem Tanz fortsetzte, von Hans-Joachim Preil, der seinerzeit am Bernburger Carl-Maria-von-Weber-Theater engagiert war. Höhepunkt des Abends sollte ursprünglich die Auslosung der Hauptpreise einer großen Tiergarten-Tombola werden. Doch der Losverkauf lief so schleppend, dass die Ziehung der Gewinne auf einen späteren Termin verschoben werden musste. Um den Erfolg der Tombola dennoch zu retten, wurden schließlich die Hausvertrauensleute instruiert, bei den jeweiligen Hausbewohnern vorzusprechen und alles daran zu setzen, die zugeteilten Lose restlos an den Mann zu bringen. Stolze 30.831 Lose zu 50 Pfennig wurden so insgesamt verkauft. Die gesponserten Preise wurden mit insgesamt 11.610 DM bewertet, darunter (1. Preis) ein Motorroller, (2. Preis) zwei Polstersessel, (3. und 4. Preis) je ein Radiogerät sowie (5. Preis) ein Fahrrad. Doch der Erlös genügte offenbar nicht, um die Realisierung des Bärengeheges anschieben zu können.

So fand Hans Warnat, der zum 5.4.1956 vom Berliner Ministerium für Kultur als neuer Tiergartenleiter eingesetzt wurde, keine großen finanziellen Spielräume vor, als er aus dem mecklenburgischen Schwerin nach Bernburg kam. Dennoch wurde der Tiergarten Dank seiner Beharrlichkeit sowohl in der Fläche als auch in der Anzahl der Gehege erheblich erweitert. Mit dem Bärengehege wurde noch 1956 begonnen, wenngleich nun zweigeteilt, mit rechteckigem Grundriss und ohne Wassergraben. Es erging ein Aufruf an alle Maurer der Stadt, ehrenamtlich beim Bau der Anlage mit zu helfen. Doch die Fertigstellung des Natursteingemäuers brauchte noch bis 1958. Immerhin nahm die Ausstattung der Gehege mit Kinderspielgeräten wie Wippe, Schaukel und Karussell den Gedanken der Verhaltensbereicherung für Zootiere auf eine merkwürdige Weise frühzeitig vorweg.

Barenzwinger mit Karussell und Taucher

Braunbären im 1956 bis 1958 errichteten Gehege. Deutlich erkennbar sind ein Karussell und eine Schaukel.

Ein Holzhaus aus den Beständen der Sowjetarmee wurde demontiert und im Tiergarten erneut aufgebaut. Klein und kaum gedämmt, aber vom äußerlichen Eindruck wohlgeraten, diente es ab 1957 als Dienstwohnhaus der Tiergartenleiter. Das Waldwärterhaus am Tiergarteneingang konnte dadurch als Wirtschaftsgebäude genutzt werden. Verwaltung, Futterküche, Lager und Tierpfleger-Pausenraum zogen daraufhin dort ein. „Dem Ganzen selbstlos dienen, das lehren uns die Bienen“, sagten sich die Bernburger Imker und errichteten 1958 den Bienenpavillon im Tiergarten, während Schüler der Pestalozzi-Schule Häuschen für ein Meerschweinchendorf bauten. Ostern 1959 konnte endlich die lang erwartete Toilettenanlage in Betrieb genommen werden. Außerdem waren drei neue Hirschgehege, ein Musikpodest sowie ein HO-Kiosk für die gastronomische Versorgung entstanden und der Tiergarten an das Elektrizitätsnetz angeschlossen worden.

Etwas ganz besonderes war das um 1960 errichtete Greifvogelrondell. Warnat war Falkner und hatte die Idee, verschiedene Greifvögel auf einer sternförmig angeordneten Anlage jeweils in Anbindehaltung dem Publikum zu präsentieren. Warnats Nachfolger beschrieb die Tierhaltung am Greifvogelrondell in einem Brief an einen besorgten Besucher folgendermaßen: „Die Tiere werden seit Jahren auf diesem Rondell gehalten ohne daß sie körperliche Schäden erlitten. Die Mauser geht einwandfrei vonstatten und die Wachshaut am Schnabel ist glatt und nicht zerstoßen wie bei Käfighaltung. Die Tiere sind an beiden Fängen mit je einem Geschühriemen durch einen Falknerknoten befestigt (ein Zusammenziehen und Abschnüren ausgeschlossen). Die beiden Geschühriemen werden an einem Wirbel befestigt, der sie mit der Langfessel verbindet. Der Wirbel verhindert das Verdrehen der Geschühriemen sowie der Langfessel. Die Langfessel ist ca. 110 cm lang und an einem Wirbel und Ring am Flugdraht befestigt. Der Flugdraht ist 360 cm lang. Dem Vogel stehen ca. 10 m² für seine Bewegung zur Verfügung. Jedes Tier hat Bademöglichkeit und mindestens zwei verschiedene Sitzgelegenheiten.“

Greifvogelrondell

Das liebevoll bepflanzte Greifvogelrondell.

Nun doch Heimattiergarten?

Als René Koppera Mitte Januar 1962 seinen Dienst als Leiter des Bernburger Tiergartens antrat, begann eine Periode fruchtbarer Kontinuität. Insgesamt dreißig Jahre lang sollte er die Entwicklung des Tiergartens Bernburg ideenreich vorantreiben. Doch der Start war nciht leicht. Während die Region begann, eine Reihe neuer Tierparks hervorzubringen (1955 Staßfurt, 1958 Dessau, 1960 Halberstadt), zeigte sich in Bernburg zunehmend die Kurzlebigkeit der nach dem Krieg verwendeten Materialien sowie der dringende Nachholbedarf bei so grundlegender Tiergarten-Infrastruktur wie beispielsweise einer Futterküche. Auch die Rekrutierung und vor allem dauerhafte Bindung geeigneten Tiergarten-Personals bereitete Schwierigkeiten. Aufregende Neuanschaffungen im Tierbestand gab es deshalb zunächst erst einmal nicht. Entsprechend begannen die Besucherzahlen zu sinken.

Es musste also dringend einiges passieren. Mit einer Vermessung des Tiergartengeländes und der vorhandenen Bauten wurde begonnen. Die Fläche linkerhand des Eingangs wurde anderthalb Meter hoch aufgefüllt und innerhalb des folgenden Jahrzehnts schrittweise mit Gehegen für Zwergziegen, Zackelschafe, Ungarische Steppenrinder, Ponys und Esel bebaut. Noch 1962 entstand eine provisorische Futterküche, ein Überwinterungsquartier für Flamingos wurde eingerichtet und 120 Meter Ponyreitbahn aufgeschüttet. Der Adlerkäfig wurde im Folgejahr wegen Baufälligkeit abgerissen und konnte nicht wieder neu errichtet werden. Und auch die Affen hätten dringend eine neue Behausung benötigt. Unter dem Motto „Koko braucht ein neues Haus“ wurde eine Spendenaktion ins Leben gerufen, für die die Jungen Pioniere Ziegelsteine und Sekundärrohstoffe sammelten. Trotzdem zog sich das Projekt Affenhaus endlos in die Länge. 1967 musste deshalb der letzte verbliebene Rhesus an den Tierpark Stralsund abgegeben.

Auch wenn das Profil als Heimattiergarten für den Bernburger Tiergarten bereits festgeschrieben worden war und die in Manuskriptform überlieferten Jahresberichte für 1962 und 1963 tatsächlich „Heimattiergarten Bernburg“ im Titel führten, gab Tiergartenleiter Koppera sich alle Mühe, diese verordnete Beschränkung des Tierbestandes so lange wie möglich zu ignorieren. So enthielt der Perspektivplan für 1965 sogar den Wunsch nach Eisbären. Zu bekommen waren allerdings keine. Im März 1966 konnte immerhin ein Dromedar-Hengst aus dem Bestand des Zirkus Probst im Tausch gegen ein Pony sowie 1000 Mark der Deutschen Notenbank erworben werden. Prompt beklagte sich ein Volksvertreter, ob die Stadtverordnetenversammlung bei der Anschaffung von Großtieren nicht mehr einbezogen würde und ob man vorhabe, das Kamel zum Wappentier Bernburgs zu machen. Die Bevölkerung hingegen begrüßte den Neuankömmling vorurteilsfrei und verhalf dem Tiergarten wieder zu steigenden Besucherzahlen. Weniger Aufsehen erregten trotz Seltenheitswert zwei Großtrappen, die im selben Jahr als hilflose Küken beim Mähen eines Luzerneschlages bei Wedlitz aufgegriffen wurden, zwecks Handaufzucht in den Tiergarten Bernburg übersiedelten und dort die kommenden zwölf Jahre leben sollten. Ein Pärchen Lamas aus dem Tierpark Cottbus bereicherte 1968 den Tierbestand. Für den nicht vorgesehenen Neuzugang wurde eilends ein Streifen des Rothirschgeheges abgetrennt.

Dromedarhengst

Das erste Kamel im Tiergarten Bernburg war ein Dromedar aus dem Zirkus.

Doch nicht nur, um moderne Huftiergehege bauen zu können, war eine Flächenerweiterung des Tiergartens unabdinglich. Auch Gastronomie, Parkflächenangebot und Wegenetz mussten an die wachsenden Ansprüche der Besucher und steigende Besucherzahlen angepasst werden. Im Vorfeld der 1969 in Bernburg stattfindenden Tagung der Heimattiergartenleiter der DDR wurde emsig an einem ehrgeizigen Perspektivplan gearbeitet. Dieser sah neben einer Flächenverdopplung auch die Neugestaltung wesentlicher Teile des bestehenden Tiergartengeländes vor. Insbesondere eine für die Besucher langweilige und für die Tiere störende Aneinanderreihung von Käfig an Käfig sollte schon damals vermieden werden. Das in Kombination mit einer zentralen Tiergarten-Gaststätte vorgesehene Aquarien- und Terrarienhaus sollte zwar ebenso wie die Seehundanlage und ein noch 1971 entworfenes Raubtierhaus für Löwen, Hyänen und kleinere Raubtiere ein Wunschtraum bleiben, aber die Erweiterung kam. Weder Bedenken der Hygieneinspektion, die eine Geruchsbelästigung von Spaziergängern an der Uferpromenade durch Wild- und Hausschweingehege fürchtete noch hochfliegende Verkehrswegepläne der Bezirksdirektion für Straßenwesen, die perspektivisch den Knoten der Fernverkehrstraßen 71 und 185 im Tiergarten-Erweiterungsgelände vorsahen, haben sie verhindert.

Ein Bildhauer aus Halle wurde mit der Perspektivplanung beauftragt. Es entstand ein vierzehnseitiges Papier, in dem der tiergärtnerische Laie unter deutlicher Betonung der pädagogischen Aufgaben eines Tiergartens ein weites Spektrum durchweg einheimischer Tierformen zur Haltung vorschlug, darunter auch Spechte, Mauersegler, Wiedehopf, Habicht, Rohrdommel, Birkhuhn, diverse Fledermausarten, Feldhase, Feldhamster und Fischotter. Im Unterschied zu den Visionen von Tiergartenleiter Koppera bestand Voigts gestalterischer Entwurf aus mehreren geradlinigen Fluchten, die in rechten Winkeln aufeinander stießen. Damit sollten eine klare Übersicht und die leichte Pflege der Wege gewährleistet werden. Als wichtige Neubauten wurden ein Aquarien-Terrarienhaus mit integrierter Zooschule, eine in der Nähe der Fähre anzusiedelnde Gaststätte sowie ein großzügiger Wirtschaftskomplex aufgeführt, während die Einrichtung eines Parkplatzes unmittelbar am Tiergarten als störend für den gesamten Charakter des Naherholungsgebietes empfunden wurde. Ein Wasserspiel sollte nicht nur zur Luftreinigung und als Schmuck dienen, sondern überdies auch den Ausgangspunkt der Frischwasserversorgung für sämtliche Tiergehege bilden. Geworben wurde natürlich auch für die Aufstellung von Tierplastiken, so zum Beispiel für eine Bärenplastik vor dem Tiergarteneingang. Auch wenn sich der Einfluss dieser Studie auf das weitere Baugeschehen in Grenzen hielt, die strenge Geometrie des Wegenetzes sollte für Jahrzehnte das Erscheinungsbild des Bernburger Tiergartens prägen.

Perspektivplan für den Tiergarten Bernburg, von einem Bildhauer entworfen

Perspektivplan des Bildhauers Karl Voigt für den Tiergarten Bernburg zu Anfang der 1970er Jahre. Der Tennisplatz (1) sollte später einer Veranstaltungsfläche weichen. Das vorgesehene Wirtschaftsgebäude (2) war sehr großzügig dimensioniert. Ausgerechnet die Teiche (4), die mit unregelmäßigem Ufer geplant waren, erhielten später einen rechtwinkligen Grundriß. (11) bezeichnet die benachbarte Papierfabrik.

1970 endlich konnte das Affenhaus mit dem markanten Schmetterlingsdach fertiggestellt werden. Einzug hielten ein Pärchen Mantelpaviane aus dem Leipziger Zoo, Rhesusaffe „Koko“ sowie im darauffolgenden Jahr eine Gruppe Javaneraffen aus dem Zoo Halle. Von einem Tierimport aus der UdSSR erhielt der Tiergarten außerdem drei Trampeltiere. Letztere reisten damals noch mit der Bahn nach Bernburg und wurden vom Bahnhof aus im Fußmarsch zum Tiergarten geführt. 1971 entstand am Flamingoteich das noch heute existierende Schutzhaus, während eine im selben Jahr für Greifvögel errichtete Käfigzeile später vor allem für Luchse genutzt wurde. Der neu gestaltete Eingangsbereich wurde mit einem steinernen Bären geschmückt, der im Oktober 1971 kurzerhand aus dem Bahnhofsgarten umgesetzt wurde und seitdem Generationen von jungen Besuchern als Klettertier und Kulisse für Familienfotos gedient hat.

VEB Naherholung

Zum Jahresanfang 1972 wurde der Volkseigene Betrieb (VEB) Naherholung mit dem Tiergarten als einem der wichtigsten Bereiche gegründet. Neue Gehege für Lamas, Rot- und Damhirsche sowie Ponys und Esel entstanden, Ponyreiten und Ponykutschfahrten wurden als fester Bestandteil des Tiergartenbesuchs etabliert und erfreuten sich bei den Besuchern großer Beliebtheit. Voller Optimismus wurde auch noch eine Hochzeitskutsche und sogar ein Schlittengespann angeschafft. Nach einwöchiger Schließung wegen umfangreicher Umbaumaßnahmen wurde am 8. Oktober das Erweiterungsgelände mit einem Volksfest eingeweiht. Für den Winter war die Herstellung einer Eisbahn geplant, und noch vorm Jahreswechsel wurden zehn Großbäume aus dem Stadtpark „Alten Bibel“ in den Tiergarten verpflanzt. Im Jahr darauf wuchs der Betrieb durch Eingliederung des Nahverkehrs und firmierte nun unter der Bezeichnung VEB Naherholung Bernburg. An Tieranlagen folgten die Gehege für Wild- und Hausschweine sowie Schafe, 1974 das Vogelhaus (in der Nähe der Affen), ein Ententeich und nebenan ein neuer, vergrößerter Flamingoteich. 1975 entstand ein Gehege, das für Kängurus gebaut, aber schließlich mit Nandus besetzt wurde. Der Hof erhielt eine Scheune. Im nächsten Jahr wurde die Wisentanlage vollendet und das Überwinterungshaus für Wassergeflügel (Teil des heutigen Amerikahauses) begonnen.

Bis Mitte der 1980er Jahre wurden die große Teichanlage, die Fasanerie sowie im Mittelteil des Erweiterungsgeländes großzügige Huftiergehege für Rehe, Ungarische Steppenrinder und Trampeltiere errichtet. 1985 wurde die Tiergartenschenke eingeweiht. Eine Spieluhr, ein Kinderfahrgeschäft mit kleinen Elektroautos und ein erstes Streichelgehege ergänzten das Angebot. Ein neues Kassengebäude wurde 1988 seiner Bestimmung übergeben. Praktisch alle Bauleistungen dieser letzten Tiergartenerweiterung entstanden in sogenannten Komplex-Kommunalverträgen, d.h. im Rahmen von mehr oder weniger freiwilligen Verpflichtungen ortsansässiger Betriebe. Insbesondere für die Huftieranlagen waren gewaltige Mengen an Schüttgütern nötig, die praktischerweise mit riesigen Fahrzeugen direkt ab Tagebau angefahren wurden. Und trotzdem zeigte sich schon bald ein Nachteil der neuen Fläche:

„Schaf-, Hirsch-, Wildpferd- und Nandugehege sind überschwemmt und mit Gummistiefeln nicht mehr erreichbar. Den Wildpferden steht das Wasser bis zum Bauch. Nandus und Störche wurden in den Wirtschaftsteil des Tiergartens freigelassen. Auch die Entenanlagen, Kamelgehege und der Platz unter den Linden stehen unter Wasser. Die Überschwemmung reicht bis zu der bronzenen Reiherfigur und bis zum Holzwohnhaus. Die gesamte Erweiterung ist ein See. Und im Tiergarten fließen lauter kleine Bäche, bilden sich Seen und Teiche.“ (Tiergartenmitarbeiterin Christine Koppera über das Hochwasser im Frühjahr 1980.) Weitere Flutungen durch Hochwasser erfolgten 1981, 1988, 1994 und 2003.

Umsetzung neuer Standards

Nach der politischen Wende im Jahr 1989 wurde der Tiergarten an die Stadtverwaltung rückübertragen. Eine Zeit rasanter Veränderungen war angebrochen. Mit der lang ersehnten Reisefreiheit gab es für das Stammpublikum des Tiergartens plötzlich sehr viel Neues zu entdecken. Entsprechend dramatisch fiel die Jahresbesucherzahl von 157.796 im Jahr 1988 auf 56.320 in 1992 ab. In dieser Situation trat am 1. Oktober 1992 der Agrar– und Veterinäringenieur Manfred Teichmann seinen Dienst als neuer Tiergartenleiter an. Dringlichste Aufgabe dieser Zeit war die Harmonisierung der bestehenden Tierhaltung mit den Vorgaben aus bundesdeutschen Gutachten bei möglichst zügiger Steigerung der Attraktivität des Tiergartens. Letzteres wurde durch Errichtung eines Kinderspielplatzes und die Anschaffung von Grevyzebras im Mai 1993 erreicht.

Neues Baerengehege im Bau

Neubau des Bärengeheges 1999/2000.

Ende Juli 1993 wurde die Bernburger Freizeit GmbH gegründet, in deren Trägerschaft der Tiergarten sich seit dieser Zeit befindet. 1995 trat der Tiergarten in die Deutsche Tierpark-Gesellschaft ein. Im Jahr darauf wurde ein gemeinsamer Förderverein für Tiergarten und Märchengarten gegründet. Anstelle des alten Affenhauses entstand 1998 ein mittels Wassergraben begrenztes Meerkatzengehege. Im Folgejahr wurden die Tennisplätze zugunsten eines großzügigen Bärengeheges aus dem Tiergartengelände heraus verlegt. Im Juni 2000 zogen die Bären ein, fünf Jahre später gesellten sich Europäische Wölfe hinzu. Die Rekonstruktion des Vogelhauses erfolgte 2002 durch Jugendliche in Betreuung der BTZ-Bildungsgesellschaft Bernburg.

Bedrohte Tiere im Fokus

Am 1. Juli 2002 übernahm der Biologe Andreas Filz die Leitung des Tiergartens. Eine Gliederung des Rundgangs in die Bereiche Afrika, Eurasien, Australien und Amerika wurde entworfen und zahlreiche Gehege, darunter ein Afrika– und ein Amerikahaus neu errichtet bzw. umfassend rekonstruiert. In der gegenwärtigen tiergärtnerischen Arbeit besitzt die Haltung und Nachzucht bedrohter und selten in Menschenhand gepflegter Tierarten einen hohen Stellenwert, während der Ausbau zoopädagogischer Angebote eine besondere Herausforderung für die Zukunft darstellt.

Der Tiergarten Bernburg nimmt an mehreren Europäischen Erhaltungszucht-Programmen (EEP) teil und ist Partner der Stiftung Artenschutz. Der Tierbestand wird mit dem internationalen Tierinventarsystem ISIS registriert und ist weltweit abrufbar. Seit 2007 ist der Tiergarten Bernburg wieder im Verband Deutscher Zoodirektoren1 vertreten. Die Geschäftsstelle der Deutschen Tierpark-Gesellschaft bezog 2008 ihren Sitz im Tiergarten Bernburg.

Text: Andreas Filz


1) 2014 umbenannt in Verband der Zoologischen Gärten e.V. (VdZ).

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